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VEJRHØJ Nautic 58° North: Skandinavisch-schlichte Holzuhr auf Seetauglichkeit geprüft

Ich muss zugeben, dass ich die Marke VEJRHØJ bisher nicht auf dem Radar hatte, die Geschichte und das Image der Marke haben ein gebürtiges Nordlicht wie mich aber sofort angesprochen: Als sich der junge Däne Janus Aarup in seiner Masterarbeit mit dem modernen, gradlinigen dänischen Design beschäftigte, entschied er sich darauf aufbauend den Uhrenmarkt zu entern. 2014 holte sich Aarup daher zur Verwirklichung seiner Ideen den Designer Bo Bonfils ins Boot, der in Dänemark u.a. für seine Designs bei der Marke Georg Jensen bekannt ist – darunter z.B. Besteck und Uhren.

Wurde auf dem Gehäuseboden verewigt: Designer Bo Bonfils

Kein Zufall ist, dass sich Aarup und Bonfils auf Uhren aus Holz spezialisiert haben: Holz ist das dominierende Element im skandinavischen Design und passt wunderbar zu einem nautischen Image, welches in der Marke VEJRHØJ vereint wurde.

Übrigens: Der Zungenbrecher-Markenname VEJRHØJ entstammt einem gleichnamigen dänischen Hügel, in dessen Nähe der VEJRHØJ-Steuermann Aarup aufwuchs. Ein Blick auf Google Maps genügt, um neidisch in Anbetracht der Naturbelassenheit, nur wenige hundert Meter vom Meer entfernt, zu werden. Man spürt förmlich die steife Brise der dänischen See im Gesicht. Alles in allem schafft es VEJRHØJ das Nautik-Image der Uhr glaubhaft zu verkaufen (z.B. auch mit der Bildsprache auf Instagram), was keine Selbstverständlichkeit für eine so junge Uhrenmarke ist.

Und der Erfolg gibt VEJRHØJ recht: Mit einer kleinen Crew von nur 4 Leuten in Kopenhagen, verkauft VEJRHØJ ca. 3000 Uhren pro Jahr. Das klingt zwar auf den ersten Blick nicht viel, wenn man aber bedenkt, dass die Projektfinanzierung erst Ende 2015 über Kickstarter realisiert wurde (mehr als ordentliche 100.000 US-Dollar in 30 Tagen), ist das ein durchaus beachtlicher Erfolg.

Erster Blick auf die VEJRHØJ Nautic 58° North

Die ganze Story um die Uhr herum passt wie die Faust auf’s Auge und fängt schon bei der Verpackung an: Die VEJRHØJ Nautic 58° North kommt in einer hochwertig verarbeiteten Box aus Bambus-Holz, die etwas an eine Mikado-Stäbchen-Box erinnert. Eine so schicke Verpackung ist keine Selbstverständlichkeit in der Preisklasse: Ich habe schon einige Uhren im Bereich 300-400€ getestet und meistens beschränkten sich die Hersteller auf eher zweckdienliche Boxen aus der Kategorie „gut gemeint, statt gut gemacht“.

Meine erste höherwertigere Uhr war eine gebrauchte Breitling SuperOcean Steelfish X-Plus – ein massiver Klotz Stahl mit einem Kampfgewicht von fast 250 Gramm. Auch aktuell trage ich am liebsten massive Taucheruhren am Edelstahlband. Die Nautic 58° North ist eigentlich das genaue Gegenstück: Optisch und haptisch ungewohnt und mit einer betont warmen Erscheinung. Daher war es auch eher Liebe auf den zweiten Blick, als ich die Box öffnete.

Was mir direkt aufgefallen ist – und die VEJRHØJ Nautic North-Modelle von anderen Holz-Uhren unterscheidet – ist die Kombination aus Holz mit Edelstahl. Ich hatte erst Bedenken bzgl. des Übergangs von der Edelstahl-„Schale“ zum Ebenholz und zum leicht erhobenen Saphirglas. Die Bedenken waren aber schnell in einer Meeresbrise verstreut: Alle Elemente gehen sehr sauber ineinander über und das Edelstahl unterstreicht die Holz-Optik wunderbar.

Die Krone der VEJRHØJ Nautic 58° North ist dezent, ja nahezu schüchtern, im Gehäuse integriert bzw. leicht eingesunken. Man spürt förmlich, dass der Designer Bo Bonfils wahrscheinlich lieber ganz auf eine Krone verzichtet hätte, um hinter dem gradlinig-schlichten Design ein Ausrufezeichen zu setzen. Bei einer Uhr muss sich aber auch ein erfahrener Designer wie Bo Bonfils dem Leitsatz „form follows function“ beugen.

Die Mischung aus Edelstahl und Holz setzt sich auch auf dem Ziffernblatt fort: Der zurückhaltende Außenring mit den Indizes und der mittig das Ziffernblatt durchbrechende Querbalken erinnern an einen Marinekompass mit Peilaufsatz, was das nautische Image der Uhr hervorragend unterstreicht:

Erwähnenswert ist auch das sehr weiche und schlichte Kalbs-Lederband, das vollständig im Gehäuse integriert ist. Das ist sehr ungewöhnlich und führt leider dazu, dass man bei der Auswahl von Ersatzarmbändern an die Lederbänder von VEJRHØJ gebunden ist (umgerechnet ca. 50€ pro Stück). Aber Schwamm drüber: Die Gehäuseintegration ist sehr gelungen und der Preis ist der Qualität des sehr anschmiegsames bzw. weichen Bandes angemessen.

Alles in allem hat VEJRHØJ unter der Federführung von Bo Bonfils ein Gesamtdesign geschaffen, das erfrischend anders und eigenständig ist. Kurzum: Man bekommt genau das, was der Name des Modells suggeriert: Eine von alten nautischen Navigationsinstrumenten inspirierte Uhr, die aussieht als sei sie persönlich von einem Nordmann auf einem Boot geschnitzt worden.

Ich finde es sehr lobenswert, wenn kleinere Uhren-Startups sich etwas zutrauen und sich nicht nur im (vermeintlich) sicheren Hafen der x-ten Submariner-Hommage bewegen. Das birgt zwar ein gewisses Risiko, aber auch die Chance, von vornherein die Marke klar vom Wettbewerb abzugrenzen. Dickes Lob!

VEJRHØJ Nautic 58° North – Eine Woche Landgang

Auf meine Uhren werde ich normalerweise nie angesprochen – egal ob Rolex Submariner, Breitling Colt oder sonst was. Mit der VEJRHØJ Nautic North war das aber recht schnell am Anfang meiner Testwoche der Fall, als ein Kollege die ungewöhnliche Holz-Optik an meinem Handgelenk entdeckte und mir im Gegenzug seine Holzuhr der Marke Holzkern unter die Nase hielt. Es kam zu einem kleinen Austausch, bei dem ich allerdings nicht mit der korrekten Aussprache meiner Uhrenmarke glänzen konnte (kleiner Tipp am Rande: Üben kann man mit dem Google Translator).

Die VEJRHØJ Nautic North fällt definitiv am Arm auf, da sie einfach ungewöhnlich im Vergleich zu anderen stahllastigen Uhren ist, die man sonst in freier Laufbahn sieht – trotz der nicht grade ausufernden Größe von 42mm Durchmesser (ohne Krone).

Ich habe die Angewohnheit im Büro meine Uhren öfters mal abzunehmen – egal ob Winter oder Sommer. Die VEJRHØJ Nautic 58° North trägt sich allerdings so leicht und unscheinbar, dass ich sogar öfters mal bewusst schauen musste, ob sie überhaupt noch da ist – und das, obwohl sie für eine Quarzuhr (Schweizer Ronda 762 3H) mit 10mm vergleichsweise hoch baut (was u.a. an der Gehäuseintegration des Armbandes liegt). Tragekomfort: Eins mit Sternchen. Auch die Ablesbarkeit ist in Anbetracht des schlichten Ziffernblattes und der Abwesenheit eines Sekundenzeigers trotz der minimalistisch gestalteten Indizes gelungen.

Kommen wir noch zur Robustheit der Uhr: Das Holz des Gehäuses hat in meinem Büroalltag kleinere Stöße und Unachtsamkeiten problemlos verziehen. Allerdings würde ich es nicht allzu sehr drauf ankommen lassen: Ich habe die Uhr bei gröberen Tätigkeiten wie Kochen immer abgenommen – im Zweifelsfall ist das vergleichsweise weiche Holz nämlich sicherlich ein Schwachpunkt, wenn es um unschöne Macken geht.

Abschließende Gedanken zur VEJRHØJ Nautic 58° North

VEJRHØJ macht mit der Nautic North-Modellreihe alles richtig und ich glaube nicht, dass das junge Unternehmen mit seinen frischen Ideen in Seenot gerät. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, wären es allerdings ergänzende Modelle mit Automatikwerk. Viele Konkurrenzmarken zeigen, dass ein Automatikwerk in der Preisklasse um die 400€ möglich ist und das charmante Gesamtkonzept von VEJRHØJ würde eine Modellreihe mit Automatikwerk (gerne z.B. auch aus dem japanischen Hause Miyota) allemal unterstreichen.

Apropos Modellvielfalt: Die Nautic North-Kollektion (mit verschiedenen Holzarten und z.B. gold-beschichtetem Edelstahl) hat derzeit nur noch die Einsteiger-Modellreihe Element im Schlepptau, die mit 150€ ebenfalls ein gutes Schweizer Ronda-Quarzkaliber beherbergt. Hier darf also gerne noch nachgebessert werden. Wie wäre es zum Beispiel mit der Integration von interessant strukturiertem Gestein wie Marmor auf dem Ziffernblatt?

Noch mal zurück zum Preis: Mit knapp unter 400€ sind die VEJRHØJ Nautic North-Modelle auf den ersten Blick kein Schnäppchen. Man muss aber berücksichtigen, das VEJRHØJ nicht einfach nur im Kielwasser einer designvorgebenden Marke schwimmt (oder im Marketing-Slang ausgedrückt: VEJRHØJ setzt nicht auf eine Follower-Strategie). Dementsprechend kann VEJRHØJ auch nicht auf den modularen Baukasten eines Auftragsfertigers zurückgreifen, wie das viele Micro-Brands, die sehr stark auf den Nachbau beliebter Designs fokussiert sind, leider oftmals tun (sogenannte Hommagen). VEJRHØJ setzt auf komplett eigenständiges Design – und das darf auch seinen Preis haben.

Alles in allem habe ich die Uhr bisher sehr gerne getragen und sehe sie als gute Ergänzung in meiner kleinen, aber feinen Uhrensammlung. Nur gut aufpassen muss ich auf die VEJRHØJ Nautic 58° North: Meine zwei kleinen Sperlingspapageien haben die schlechte Angewohnheit sämtliches Holz zu schreddern, was ihnen in die Quere kommt – so eine Holzuhr ist da natürlich ein gefundenes Fressen 😉

Eckdaten:

  • Uhrwerk: Schweizer Ronda Quarz-Werk, Kaliber 762 3H
  • Gehäuse: 42mm Gehäuse aus Ebenholz und 316L Edelstahl, ca. 10mm hoch
  • Ziffernblatt: Walnussholz
  • Armband: Dunkles Kalbs-Lederarmband mit Gehäuseintegration
  • Kratzfestes Saphirglas
  • 3 bar Wasserdichtigkeit (spritzwassergeschützt)

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